vulvaland

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Je grösser der Aufwand, um ein Geheimnis zu bewahren, desto mächtiger, lebendiger und gefährlich muss das Geheimnis sein, diese Wahrheit. Doch, wie Moorleichen, kehrt alles Verdrängte wieder zurück, und am Ende verteilt Lady Bitch Ray Scheidensekret-Töpfchen an Latenight-Moderatoren.

Was haben unsere Vorfahren nicht alles angestellt und verteufelt, um das weibliche Geschlecht (mal ganz wörtlich) in Schach zu halten? Da wurde das weibliche Genital zur Scheide für das männliche Schwert degradiert, das Fehlen dieses Schwertes selbst zum Mangel erklärt, und das bisschen Anima, was an dem Loch noch dran hing, gleich mit wegradiert, zumindest kultur-hegemonisch. Wer hat hier wen auf dem Gewissen, und wer deckt die Täter?

Mithu M. Sanyals Kulturgeschichte der Vulva hat etwas von einem wissenschaftlichen Krimi. Nicht nur, weil ihre Spurensuche nach der bewussten Leugnung, Unterdrückung und Verstümmelung der weiblichen Sexualität und Macht so spannend geschrieben ist. Sie belässt es nicht allein bei einer umfassenden und gründlichen historischen Analyse des Sujets. Das wirklich wunderbare und besondere an ihrem Buch ist ihr kämpferischer, klug-frecher Stil und die spürbare Leidenschaft, mit der sie zum Beispiel die Tradition der Burlesque-Tänzerinnen oder eine Künstlerin wie Annie Sprinkle vorstellt, die sich offen und selbstbestimmt als Frau und Schöpferin definiert und behauptet. Gerade für meine Generation sind die vielen traurigen Geschichten von Unterdrückung und Depression ja leider nichts Neues. Eigentlich. Mithu Sanyal präsentiert aber nicht nur eine fundierte Zusammenfassung dieser Vorgeschichte, sondern stimmt kämpferisch und macht Frauen Mut, schon beim Lesen, die Geschichte(n) zu ändern, die eigenen und die der anderen Frauen. „Her“-story statt „His“-story.
Dieses Buch sei allen besten Freundinnen, Piratinnen und Riot Grrrl ans Herz gelegt.

Mir persönlich kamen bei der Lektüre zwei weitere spontane Assoziationen:
- Lol Tolhurst, tanzend im Vulva-Kostüm (zu „Can’t“) im Video zu „Why Can’t I Be You?“ von The Cure (1987), und,
- eine weitere Interpretationsmöglichkeit für den schwarzen Monolithen als rätselhaftes, „gedropptes“ Symbol einer fremden Kultur in „2001″ …

Mithu M. Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2009. ISBN-10 3803136296, ISBN-13 9783803136299. Gebunden, 236 Seiten, 19,90 EUR.

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