SIGINT09 - tag 2 (23.5.): pranks, bugs & insecurities

FX, unser Keynote-Speaker für Tag 2 von der Hackergruppe Phenoelit, besitzt das seltene und erfrischend inspirierende Talent, über komplexe technische Themen so reden zu können, dass auch ein Nicht-Techniker versteht, worauf es ihm ankommt. Sicher programmieren regelt, sagt er. Vergesst Performance und Beauty. Wirklich 1337e Coding-Stylez und Authentifizierungsmodelle sehen anders aus. Sagt er, und rantet gegen die Cryptographie als vermeintliches Allheilmittel gegen Exploits, sowie gegen das gute alte Protokoll-Schichtenmodell, in dem Sicherheitsfeatures implementiert werden, um sie auf der nächsten Ebenen wieder abzubauen. Ok, ein Minimum an 1337-Speak kann nicht schaden. Wer bis hierhin nicht folgen konnte, für den fasste FX am Ende nochmal das Wesentliche zusammen: “Du bist Security.”

Der Vortrag, der mich persönlich am meisten beeindruckt hat, war der von Anne Roth, die kurz nach Mittag ruhig und gefasst von ihren absurd absonderlichen Erfahrungen “aus dem Innenleben” einer absoluten Überwachung des Privatlebens erzählte. Die Geschichte begann damit, dass ihr Partner, der Soziologe Andrej Holm, im Sommer 2007 morgens völlig unerwartet festgenommen und verhaftet wurde. Weil er angeblich Mitglied einer terroristischen Vereinigung sei, laut §129a. Bis heute konnte ihm nichts Belastendes nachgewiesen werden. Seit der Verhaftung allerdings weiss die Familie, dass ihr Privatleben seit mindestens 2006 überwacht worden war. Emails, Telefonate, Kameras, Verwandte, Freunde, alles. Zwei Monate nach der Verhaftung von Andrej Holm begann seine Partnerin, die Journalistin Anne Roth, ihre Gefühle, Erlebnisse und Erfahrungen in einem Blog festzuhalten (annalist). Sie entschied sich für die Flucht nach vorn, für noch mehr Offenheit. Sie habe nichts mehr zu verlieren gehabt, erzählt sie bewegend auf der SIGINT. Ihre Privatsphäre sei sowieso … weg. Wie schnell so etwas gehen kann, dass auch Unschuldige wie sie und ihre Familie verdächtig werden können, das zeigte sie an erschreckend einfachen und absurden Beispielen (s.a. ihre Folien).

Von ganz anderen Taktiken der gesellschaftlichen Einflussnahme, von Culture Hacking und Hacktivismus, berichtet Scott Beibin aus den USA. Scott ist Aktivist und Mitglied der Projekte “Lost Film Fest” und “Scientists are the New Rockstars.” Diese Leute hacken zum Beispiel mal eben das Sundance Filmfestival, unter dem Titel “The Yes Man Fix the World”, oder sie haben einmal eine selbst gedruckte New York Times Special Edition an die New Yorker verteilt, in einer Auflage von 800.000, die nur positive Nachrichten enthielt (”Iraq war has ended”), und die Leser anschliessend interviewt (”Oh, einen Moment lang hatte ich es wirklich geglaubt - und es war eine wunderbare Vorstellung!”). Volle fünf Sterne und bitte weitermachen!

Am Abend dann zeigte uns Waltraud Blischke (lauschmusik, elektrabar) “The Art of Sound Hacking.” Leider litt ihre Präsentation etwas unter den Rahmenbedingungen (der Vorredner hatte überzogen). Ihr Vortrag war voll gepackt mit Infos, Wissen und akustischen Beispielen - vielleicht ein bisschen zu wissenschaftlich, zuviel Information Overflow, aber, ich glaube, das lag nur an der Schwierigkeit, Hacker als Fachpublikum richtig einzuschätzen. Ihr Material rockte, jedenfalls, und ihr Vortragsstil war souverän. Es war spannend, von ihr etwas über “Home Made Sound Electronics” zu erfahren, über das Samplen per Lötkolben, Symphonien für Nadeldrucker und Diskettenlaufwerke. Gimme more davon, gerne nochmal wieder. Ich habe ja generell ein Herz für Normverletzungen gängiger Hörgewohnheiten aller Art …

Zum Abschluss noch einmal Constanze und ihr “Biometrics in Science Fiction”-Kino-Highlight, gut wie immer - nein, fantastisch wie immer! “Leider” musste ich um kurz nach Mitternacht vorzeitig raus, mein Handy hatte dreimal vibriert, und ich schlich mich aus dem Saal und eilte flugs in die Orga - um dort herzlich mit Sekt empfangen und beglückwünscht zu werden! Ich hatte meinen eigenen Geburtstag vergessen … bei all der SIGINT-Trubelei.

Sadly missed, today: die Podiumsdiskussion zum Thema “Computerspiele in der Gesellschaft.”

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